Heute ist Tagundnachtgleiche, das Winter-Äquinoktium. Die Erdachse steht so, dass beide Erdhalbkugeln annähernd gleich beleuchtet werden. Tag und Nacht sind ungefähr gleich lang.
Daraus entsteht eines der naheliegendsten menschlichen Symbole:
Licht = Dunkelheit
Tag = Nacht
Wachsein = Schlaf
Leben = Tod
Wachstum = Vergehen
Ordnung = Chaos
Die Äquinoktium wird damit zur Schwelle, an der Gegensätze einander berühren, ohne dass einer den anderen endgültig besiegt.
Das hat mich dazu animiert, die Geschichte von Inanna oder Ishtar, der mesopotamischen Göttin und Herrscherin von ihrem Abstieg in die Unterwelt näher zu betrachten. Es ist eine Reise in das Loslassen, den Rückzug, der Dunkelheit, das Vergehen, das Sterben führt. Und dann, das nach dem Erfahren des Todes, das geläuterte Wiedergeboren-Werden, was dem Aufstieg, dem Frühlings-Äquinoktium entspricht.
Die Qualität des Herbst-Äquinoktiums entspricht genau der Schwelle, in der die Natur beginnt sich zurückzuziehen, das Frühlings-Äquinoktium entspricht der Schwelle, in der die Natur beginnt wieder zu erwachen. Den Weg in diesen Rückzug und den Aufstieg symbolisiert uns die Geschichte von Inanna.
Inannas Abstieg
Es gab eine Zeit, da herrschte Inanna über die große Stadt Uruk. Sie war die Herrin des Himmels, die Göttin der Liebe und des Begehrens, aber auch der Macht, des Krieges und der Fruchtbarkeit. In ihr lebten Gegensätze nebeneinander: Zärtlichkeit und Gewalt, Schöpfung und Zerstörung, Verlangen und Herrschaft.
Doch eines Tages blickte Inanna hinab.
Unter der Welt der Lebenden lag eine andere Welt: die Welt der Toten. Dort herrschte ihre Schwester Ereshkigal. Ereshkigal war die Königin der Unterwelt.
Und Inanna beschloss, zu ihr hinabzusteigen. Warum sie dies tat, bleibt im Mythos nicht vollkommen eindeutig. Vielleicht tat sie es in dem Wunsch, jene Welt kennenzulernen, die jedem Lebenden verschlossen ist.
Inanna nahm ihre sieben göttlichen Insignien an sich.
Sie setzte die Krone auf ihren Kopf.
Sie legte die Halskette an.
Sie trug den Brustschmuck.
Sie zog den Ring an.
Sie nahm das Zepter.
Sie schmückte ihren Körper mit allem, was ihre göttliche Macht sichtbar machte.
Dann wandte sie sich an ihre Dienerin Ninshubur.
„Wenn ich nicht zurückkehre“, sagte sie, „warte nicht einfach auf mich.“
Ninshubur sollte zu den großen Göttern gehen und um Hilfe bitten.
Denn Inanna wusste:
Wer in die Unterwelt hinabsteigt, kehrt nicht einfach wieder zurück.
Inanna erreichte das erste Tor der Unterwelt.
Der Wächter hielt sie auf.
„Wer bist du?“
„Ich bin Inanna, die Königin des Himmels.“
„Warum kommst du?“
„Ich will an den Bestattungsriten meiner Schwester Ereshkigal teilnehmen.“
Der Wächter ging zu Ereshkigal und berichtete ihr von der Ankunft ihrer Schwester.
Ereshkigal ließ Inanna eintreten.
Doch sie gab eine Anweisung:
Bei jedem der sieben Tore sollte Inanna ein Stück ihrer göttlichen Ausstattung ablegen.
Das erste Tor öffnete sich.
Inanna musste ihre Krone zurücklassen.
Sie fragte:
„Warum?“
„So ist es in der Unterwelt.“
Das zweite Tor öffnete sich.
Ihre Halskette wurde ihr genommen.
Das dritte.
Ihr Brustschmuck.
Das vierte.
Ihr Ring.
Das fünfte.
Ihr Zepter.
Das sechste.
Ein weiteres Zeichen ihrer Macht.
Am siebten Tor war nichts mehr übrig.
Keine Krone.
Kein Schmuck.
Keine Insignien.
Keine Waffen.
Keine Zeichen ihrer Herrschaft.
Nur noch Inanna selbst.
Schließlich stand Inanna vor ihrer Schwester.
Ereshkigal sah sie an.
Die Königin des Himmels stand vor der Königin der Toten.
Doch Inanna war nun entkleidet von allem, was sie über die Welt der Lebenden erhob.
Ereshkigal sprach ihr Urteil.
Und die Richter der Unterwelt, die Anunnaki, richteten über Inanna.
Sie sahen sie an.
Und sie wurde zum Tod verurteilt.
Inanna starb.
Ihr Körper wurde an einen Haken gehängt.
Dort blieb sie.
Drei Tage und drei Nächte.
Ninshubur wartete.
Ein Tag verging.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter.
Inanna kehrte nicht zurück.
Da tat Ninshubur, was ihre Herrin ihr befohlen hatte.
Sie ging zu den Göttern.
Doch die großen Götter halfen nicht.
Schließlich wandte sie sich an Enki, den Gott der Weisheit und des Süßwassers.
Enki hörte ihre Bitte.
Und er beschloss, Inanna nicht sterben zu lassen.
Er erschuf zwei kleine Wesen.
Sie sollten in die Unterwelt hinabsteigen.
Sie sollten nichts besitzen.
Keine Macht.
Keine Herrschaft.
Sie sollten nur eines tun:
Trauern.
Sie fanden Ereshkigal.
Die Königin der Unterwelt litt.
Sie war voller Schmerz.
Die beiden Wesen klagten mit ihr.
Sie sagten nicht:
„Du bist mächtig.“
Sie sagten nicht:
„Du bist schön.“
Sie sagten:
„Wir sehen deinen Schmerz.“
Und Ereshkigal war ihnen dafür dankbar.
Sie gewährte ihnen einen Wunsch.
Sie baten um Inannas Körper.
Ereshkigal stimmte zu.
Die Wesen fanden Inanna.
Sie gaben ihr die Nahrung und das Wasser des Lebens.
Und Inanna erwachte.
Sie war wieder lebendig.
Doch die Unterwelt hatte ein Gesetz:
Wer die Welt der Toten betritt, darf nicht einfach in die Welt der Lebenden zurückkehren.
Inanna durfte gehen.
Aber jemand musste ihren Platz einnehmen.
Dämonen der Unterwelt begleiteten sie.
Sie folgten ihr auf ihrem Weg zurück.
Zuerst begegnete Inanna ihrer Dienerin Ninshubur.
Die Dämonen wollten sie mitnehmen.
Doch Inanna verweigerte sich.
„Sie hat um mich getrauert.“
Sie gingen weiter.
Sie begegnete anderen Menschen und Göttern.
Immer wieder wollten die Dämonen jemanden mitnehmen.
Doch Inanna fand Gründe, warum diese Menschen verschont bleiben sollten.
Bis sie schließlich nach Uruk kam.
Dort fand sie Dumuzi, ihren Geliebten.
Und Dumuzi trauerte nicht.
Er saß in königlicher Pracht.
Er zeigte keinen Schmerz über Inannas Tod.
Inanna sah ihn an.
Und sie sagte:
Nehmt ihn.
Die Dämonen ergriffen Dumuzi.
Er floh.
Er flehte.
Er suchte Zuflucht.
Doch schließlich wurde ein Ausweg gefunden.
Dumuzi sollte nicht für immer in der Unterwelt bleiben.
Er sollte einen Teil des Jahres dort verbringen.
Den anderen Teil sollte er auf der Erde verbringen.
So begann sein zyklisches Kommen und Gehen.
Inanna war in die Unterwelt hinabgestiegen.
Sie hatte ihre Krone verloren.
Ihren Schmuck.
Ihre Macht.
Ihre Identität als Königin.
Sie war gestorben.
Und sie war zurückgekehrt.
Aber sie kehrte nicht als dieselbe Inanna zurück.
Sie hatte etwas erfahren, das kein Herrscher und keine Göttin umgehen kann:
Die Macht der Unterwelt.
Denn vor dem Tod sind alle Insignien bedeutungslos.
Vor der Grenze zwischen den Welten gibt es keine Krone.
Keinen Rang.
Keinen Besitz.
Nur das eigene Wesen.
Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis ihres Abstiegs.
Inanna musste nicht lernen, wie man herrscht.
Das wusste sie bereits.
Sie musste lernen, was geschieht, wenn man alles verliert, womit man sich selbst definiert.
Erst nachdem sie alles abgelegt hatte, konnte sie sterben.
Und erst nachdem sie gestorben war, konnte sie zurückkehren.
Nicht als jemand, der dem Tod entkommen war.
Sondern als jemand, der durch ihn hindurchgegangen war.
Der Abstieg war kein Ende.
Er war eine Verwandlung.
Und deshalb wurde Inanna zu einer der großen Gestalten des alten Mesopotamien:
Herrin des Himmels.
Herrin der Liebe.
Herrin des Krieges.
Herrin des Lebens.
Und jene, die in die Dunkelheit hinabstieg und zurückkehrte.
