DIE GESCHICHTE DES MENSCHEN

eine Geschichte von G.I. Gurdjieff


Es gibt da eine Geschichte aus dem Osten, in der es um einen sehr reichen Zauberer geht, der viele Schafe sein Eigen nannte. Zugleich war dieser Zauberer aber auch sehr geizig. Er wollte weder Schafhirten anstellen noch die Wiese, auf der seine Schafe grasten, einzäunen. Die Folge war, dass seine Schafe oft in den Wald liefen, in Schluchten stüzten und sonst wie umkamen. Vor allem aber machten die Schafe sich auf und davon, denn sie wussten, dass der Zauberer ihnen nach Fleisch und Haut trachtete, und das gefiel ihnen nicht.
 

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Schließklich aber fand der Zauberer Abhilfe. Er hypnotisierte seine Schafe und redete ihnen zuallererst ein, dass sie unsterblich seien und dass es ihnen nicht schaden würde, wenn man ihnen die Haut nehme, dass dies im Gegenteil für sie nur gut wäre und sogar angenehm. Danach machte er ihnen weis, dass er, der Zauberer, ein gütiger Herr sei, der seine Herde so sehr liebte, dass er alles nur Erdenkliche für sie tun würde. Und drittens machte er sie glauben, wenn ihnen je etwas zustoßen sollte, dies auf keinen Fall in diesem Augenblick geschehen würde, ganz sicher aber nicht an diesem Tag. Sie müssten sich deshalb nicht den Kopf darüber zerbrechen. Außerdem flüsterte er ihnen ein, dass sie gar keine Schafe seien. Einigen von ihnen erzählte er sie seien Löwen, anderen sie seien Adler, wieder anderen sie seien Menschen und wieder anderen sie seien Zauberer.

Danach fanden all seine Sorgen und sein Verdruss über die Schafe ein Ende. Sie liefen nie wieder davon, sondern warteten friedlich ab, bis der Zauberer ihr Fleisch und ihre Haut einforderte.
 
 
 
(G.I. Gurdjieff, aus dem englischsprachigen Buch "In Search of the Miraculous" (1949) ins Deutsche übersetzt von P.I. Ouspensky)
 
 

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